News | Deutschland

Die Eisheiligen: Frost im Mai immer seltener

Die Eisheiligen: Frost im Mai immer seltener

Vom 11. bis 15. Mai stehen jährlich die Gedenktage der Eisheiligen an. Erst nach dieser Zeit sei die Frostgefahr endgültig gebannt, so der Volksmund. Tatsächlich hat sich die für die Landwirtschaft kritische Spätfrostgefahr mittlerweile in den April vorverlegt.

Mamertus, Pankratius, Servatius, Bonifatius und Sophie – diese Namen sind vielen bekannt, schließlich sorgen die sogenannten Eisheiligen fast jedes Jahr für Aufmerksamkeit. Die fünf Heiligen lebten im 4. und 5. Jahrhundert und erhielten erst deutlich später ihre kirchlichen Gedenktage. Im Mittelalter waren Landwirtschaft und Ernte überlebenswichtig, weshalb regelmäßig auftretende Wetterereignisse mit sogenannten Lostagen verknüpft wurden. Späte Kaltlufteinbrüche konnten junge Pflanzen schädigen und damit Missernten verursachen.

Eine Zeit der Kontraste

Der Frühling gilt oft als Jahreszeit des Sonnenscheins und der Blüte, meteorologisch ist er jedoch vor allem eine Zeit großer Gegensätze. Während sich die Landmassen durch den höheren Sonnenstand rasch erwärmen, bleiben Meere und Seen noch vergleichsweise kalt. Diese Temperaturunterschiede machen Kaltlufteinbrüche auch im späten Frühjahr möglich.

Damals spielten Kirche und Glaube eine zentrale Rolle im Alltag, Bauern orientierten sich stark an Lostagen und Bauernregeln. Durch die gregorianische Kalenderreform von Papst Gregor XIII. im Jahr 1582 verschoben sich die ursprünglichen Termine allerdings um einige Tage. Berücksichtigt man diese Änderung, lägen die Eisheiligen heute eigentlich zwischen dem 19. und 23. Mai.

Regionale Unterschiede

Nicht überall gelten dieselben Heiligen als Eisheilige. In Norddeutschland beginnt die Reihe bereits mit Mamertus am 11. Mai, während in Österreich, Süddeutschland und der Schweiz meist Pankratius als Auftakt gilt. Dafür zählt hier die „Kalte Sophie“ dazu, die im Norden oft fehlt. Eine mögliche Erklärung: Kaltlufteinbrüche erreichen den Alpenraum häufig erst zeitverzögert aus Norden.

Meteorologische Singularität?

Ob die Eisheiligen tatsächlich eine meteorologische Singularität darstellen, ist selbst unter Meteorologen umstritten. Zwar sind Kaltlufteinbrüche im Mai keineswegs ungewöhnlich, sie treten jedoch nicht regelmäßig auf. Statistiken zeigen zudem keine auffällige Häufung von Frosttagen genau während der Eisheiligen – die Frostwahrscheinlichkeit nimmt im Verlauf des Monats vielmehr kontinuierlich ab. Kälterückfälle zur Zeit der Eisheiligen wären daher eher als Zufall zu sehen.

Häufigkeit von Bodenfrost im April und Mai zwischen 1965 und 2021 im Mittelland der Schweiz. © MeteoSchweiz

Laut einer Auswertung der ZAMG zeigt sich im 50-jährigen Mittel nach dem 20. Mai aber ein Rückgang der mittleren Tagesmitteltemperatur. Das passt zeitlich gut zu den Eisheiligen: Durch die Gregorianische Kalenderreform wurden zehn Tage aus dem Kalender gestrichen, wodurch sich die Namenstage um etwa zehn Tage vom ursprünglichen meteorologischen Termin verschoben haben. Die Eisheiligen bringen demnach zwar meist keinen Frost mehr, häufig aber nochmals einen spürbaren Temperaturrückgang. Man kann sie daher als den letzten markanten Kaltlufteinbruch im Mai vor dem Frühsommer bezeichnen.

Im 50-jährigen Mittel zeigt sich bei der durchschnittlichen Tagesmitteltemperatur ein Rückgang ungefähr zwischen dem 20. und 24. Mai. Quelle: ZAMG.

Spätfrostgefahr und Klimawandel

In den vergangenen Jahren blieben die Eisheiligen häufig aus, zudem treten Fröste im Mai in tiefen Lagen nur noch selten auf. Mitunter wurden die Eisheiligen bei sommerlichen Temperaturen sogar schon zu „Schweißheiligen“ umgetauft. Daher stellt sich zunehmend die Frage, ob man überhaupt noch von einer meteorologischen Singularität sprechen kann. Manche Meteorologen sehen darin auch eine Folge des Klimawandels: Mit der fortschreitenden Erwärmung der Atmosphäre fallen Kaltlufteinbrüche im Mai immer weniger frostig aus. Tatsächlich tritt auch der durchschnittlich letzte Frosttermin im Jahr zunehmend früher auf.

Tag des Vegetationsbeginns (Methode der Wärmesumme) und des letzten Tiefstwerts unter -2 Grad im Frühjahr für Graz - UBIMET mit Daten GSA
Vegetationsbeginn (nach Wärmesumme) und letzter Frost unter -2 Grad im langjährigen Mittel in Graz: Im aktuellen Mittel gibt es keinen Unterschied mehr.

In der vorindustriellen Zeit sorgten Kaltlufteinbrüche bis etwa Mitte Mai im Flachland mitunter noch für Frost. Dafür waren Kaltlufteinbrüche im April damals meist weniger problematisch, da die Vegetation später einsetzte und Pflanzen dadurch im Vergleich zu heute noch weniger frostgefährdet waren. Für die Landwirtschaft ist inzwischen vor allem der April kritisch: So kam es auch heuer in weiten Teilen Mitteleuropas in der zweiten Aprilhälfte zu erheblichen Frostschäden. Mehr Informationen zum Thema Wärmesumme, Vegetationsbeginn und Spätfrostgefahr findet man hier sowie hier.

Warum halten sich die Bauernregeln so hartnäckig?

Früher waren Spätfröste für die Landwirtschaft existenziell. Deshalb warteten viele Bauern traditionell bis nach den Eisheiligen mit empfindlichen Pflanzen wie Tomaten oder Weinreben. Die Bauernregeln beruhen also auf langjährigen Erfahrungswerten, auch wenn sie meteorologisch nicht jedes Jahr zutreffen.